Mit Brillen in den Irak

Fotograf Ruben Timman reist 4.000 Kilometer, damit zwei Mädchen mit Albinismus wieder sehen können

 

Manchmal, so sagt der niederländische Dokumentarfotograf Ruben Timman, gingen einem Ideen durch den Kopf, die man lange nicht umsetzt. „Umso erleichternder ist es, sie dann endlich Realität werden zu lassen.“ Seit Timman 2016 im Irak war, um Menschen in schweren Lebenssituationen würdevoll zu fotografieren, verfolgt ihn eine solche Idee. Damals schoss er ein Porträt von Melek —  einem siebjährigen Mädchen, das an Albinismus leidet. Meleks Porträt wurde zu einem der Bilder, die Timmans Projekt „Museum der Menschheit“ am deutlichsten repräsentieren.

Auf ihrem Foto sieht sie nach unten, weil ihre Augen so lichtempfindlich sind, dass sie nicht in die Kamera blicken kann. Mit ihren jungen Jahren musste sie schon vor dem IS fliehen, in ihrer Schule wird sie wegen ihrer weißen Haare gehänselt.
Timman wollte diesem Mädchen eine Freude machen und Melek und ihrer Schwester Zara jeweils eine spezielle Brille für Menschen mit Albinismus schenken. Solche Sonderanfertigungen sind im Irak nicht erhältlich.

Nach drei Jahren des Wartens hat das nun geklappt. Auch dank einer Geldspende aus der ostwestfälischen Hansestadt Warburg. „Die Spenderin möchte anonym bleiben“, sagt Timman. „Ich danke ihr sehr.“ Ein niederländisches Magazin unterstützt die Reise ebenso. Im Irak vermisst ein Optiker die Augen der Mädchen und schickt die Daten an Timman, so dass in den Niederlanden die Brillen gefertigt werden.

Die Reise in den Irak ist für Timman und seine drei Begleiter (einen Journalisten, einen Kameramann und einen Regisseur) nicht einfach. Weil das Visum nicht rechtzeitig kommt, beschließt das Team, über den kurdischen Teil im Norden des Landes einzureisen, für den keines nötig ist.

Doch wie dann weiter? Im Land angekommen muss ein kleines Wunder her, damit sie mit dem Auto über die Grenze in den irakischen Teil fahren können. „Wir wollten von Erbil nach Karakosch“, sagt Timman. An Teilen der Fahrtstrecke liegen noch Straßenbomben des IS. Timmans Team muss sich voll und ganz auf die Ortskenntnisse des einheimischen Übersetzers Rabi verlassen.
Und das klappt: Sie passieren die Straßen unbeschadet. Und als die Grenzwachen das Team zurückschicken wollen, ist es der sozial gut vernetzte Rabi, der das entscheidende Telefonat führt: „Er hat den Bischof von Karakosch angerufen.“

Der Bischof organisiert darauf das Nötige und weist die Grenzwächter telefonisch an, Timman und Crew durchzulassen. „Als die Barke hochging, waren wir unendlich erleichtert“, sagt der Dokumentarfotograf.

In Karakosch angekommen, warten Melek und ihre Familie bereits auf den Besuch. Timman geht zur mittlerweile zehn Jahre alten Melek und überreicht ihr ihre Brille. Was dann passiert, berührt Timman noch immer: Melek setzt die Brille kurz auf und sieht sich um. Sie nimmt die Brille wieder ab und legt sie vorsichtig weg. „Dann hat sie angefangen zu weinen und lange nicht aufgehört“, sagt Timman. Als das Mädchen sich wieder fassen kann, greift es zur Brille und setzt sie wieder auf. „Sie hat sie dann nicht mehr abgenommen und sich den ganzen Abend lang gefreut“, sagt der Fotograf.

2016 konnte Melek durch ihren Albinismus das Licht der Kamera nicht vertragen.
Mit ihrer neuen Brille klappt das nun. Fotos: © Ruben Timman

Für Melek ist es nach Langem wieder ein freudiger Moment. Ihre Familie musste 2016 vor dem IS in ein Flüchtlingscamp fliehen. Das Haus nutzte der IS als Stützpunkt – Meleks Zimmer war die Kommandozentrale. Jetzt hat die Familie es wieder und die Wände in kräftigen Farben gestrichen, um alle Spuren der Besatzung unsichtbar zu machen.

„Aber dauerhaft möchten sie nicht mehr in Karakosch wohnen“, sagt Timman. Die Christen, zu denen Meleks Familie gehört, würden mehr und mehr verdrängt. Die große Schwester Zara kann keinen Schulabschluss machen. Sie hat durch ihren Albinismus nur noch fünf Prozent Sehkraft und kann darum nicht mehr zur normalen Schule. „Zara braucht ihre neue Brille noch dringender als Melek“, sagt Timman. Zara ist introvertiert. Sie hat in der Schule immer sehr unter Hänseleien gelitten. Sie begann, sich die Haare zu färben, um wie die anderen zu sein. Timman hofft, dass für sie nun alles besser wird.

Wieder in den Niederlanden teilt Timman sein Erlebnis über Facebook mit der Welt. Mehr als tausend „Likes“ bekommt er von den Lesern. „Doch diese Reise ist nur ein Tropfen in einem Ozean“, sagt Timman. „Ich hoffe, mehr Menschen fühlen sich durch diese Aktion motiviert, anderen zu helfen. Dann wird die Welt ein Stück schöner.“

 

Museum der Menschheit

Für sein Fotoprojekt „Museum of Humanity“ hat der Niederländer Ruben Timman weltweit rund 3.800 Menschen fotografiert. Die Porträts sollen zeigen, dass jeder Mensch Würde in sich trägt und es verdient, würdevoll behandelt zu werden – egal welcher Herkunft. Derzeit ist eine Auswahl der Bilder als Freilichtausstellung in der Warburger Innenstadt zu sehen. Die Ausstellung läuft noch bis zum 13. Oktober diesen Jahres. Der Eintritt ist frei. 

Zur Homepage des Museum der Menschheit

Text von Vivien Tharun. Das Gespräch mit Ruben Timman erfolgte im Juli 2019.

Die PARTEI muss Wahlplakate abhängen

Weil sie auf dem Nauener Toleranzfest Agressionen auslösen könnte, musste die Wahlwerbung von Gary Koch und Raimond Heydt einen neuen Platz finden

Dieses Jahr blieb es ruhig auf dem Toleranzfest in Nauen. In den Vorjahren haben Neonazis jeweils am 20. April am Friedhof eine Mahnwache abgehalten, um der Bombadierung Nauens im Zweiten Weltkrieg zu gedenken. Und ein bestimmter Geburtstag ist ja auch an diesem Tag.
Demokratische Gegengruppierungen des Orts haben daraufhin das Toleranzfest ins Leben gerufen, um diesen Mahnwachen etwas entgegenzusetzen.
Seit gut zwei Jahren bleibt das rechte Lager still und das Toleranzfest steht an diesem Tag im Mittelpunkt.
Doch zwei Vertreter der Listenvereinigung „Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative, Piratenpartei Deutschland, Die PARTEI der Sorben, Wählergruppe Tierschutz, Wählergruppe Soziales Havelland, Wählergruppe Bürgerfreundlichkeit, Wählergruppe HipHop“ mussten Konsequenzen aus der Veranstaltung ziehen: Die Polizei hatte zwei ihrer Wahlplakate abgehangen, da diese Plakate rechte Gruppen provozieren könnte. Die Plakate hingen an Laternenmasten und trugen die Aufschrift „Hier könnte ein Nazi hängen.“ Die Verantwortlichen Raimond Heydt und Gary Koch nahmen das Abhängen aber mit Humor und legten die Schilder als Hitzeschutz hinter die Windschutzscheibe ihres Autos. „Da kann man die Plakate auch noch gut lesen“, sagte Gary Koch lachend.

„Windpark in Nauen wird repowered“

Interview: Umweltjurist Lars Krause spricht mit Redakteurin Louise Wünsche über den beschlossenen Rückbau der Windkraftanlagen im Gegenzug für ein atomares Endlager

Guten Tag Herr Krause!
Lars Krause: Hallo.

Sie sind Umweltjurist bei der BTU Cottbus – ist das richtig?
Krause: Ja.

Sie haben sich mit einem Thema beschäftigt, dass Nauener und Falkenseer besonders interessiert – was ist denn das?
Krause: Ganz genau. Es geht um die Windräder, die hier in der Region zu Hunderten stehen.

Speziell jetzt die vor Nauen oder von welchen sprechen Sie? Sprechen Sie über ein bestimmtes Gebiet oder allgemein?
Krause: Im Moment geht es in meiner Forschung um diese Windräder direkt vor Nauen. Ja, die, die man von der Autobahn sieht und die wie die Sterne in der Nacht blinken. Um die geht es.

Und die sind jetzt umstritten oder um wa…
Krause: (unterbrechend) Die sind seit Jahrzehnten schon umstritten!

(baff) Seit Jahrzehnten? Oh, puh.
Krause: Ja. Die Bürgerinitiative, die sie immer wieder weg haben wollte, hat es, wie es jetzt aussieht, geschafft. Es soll jetzt eine Änderung geben.

Wie?
Krause: Also, es kamen die letzten Jahre ja immer mehr Windräder, mehr Windräder und mehr Windräder und jetzt haben wir wohl den „Peak“ erreicht und es sollen bis 2030 gut 80 Prozent der derzeit vorhandenen Windräder zurückgebaut werden.

Wie konnte sich das durchsetzen? Denn eigentlich sind die Windräder ja schon da und da es hängen Wirtschaftsfaktoren daran …
Krause: Ja, normal geht das ja so…

(unterbrechend) Es ist ja nicht so leicht, die Firmen davon zu überzeugen, das alles zurückzubauen…
Krause: Ja, also, normalerweise werden Windräder gebaut und nach zehn, 20 Jahren, wenn die ihr Brot verdient haben, dann werden sie „repowered“. So nennt man das.

Repowered?
Krause: Genau. Repowered. Eine kleine Anla…

(notierend) Mit „R“ und „E“ am Anfang, ja? „Repowered“ ?
Krause: Repowered. Ja. Also eine kleinere Anlage wird dann durch eine größere ersetzt oder mehrere kleinere Anlagen durch wenigere größere oder man geht dahin und vergrößert das Feld noch weiter. Ja.

Ja.
Krause: So dass im Prinzip Anlagen, beziehungsweise Windparks, die 1990 noch mit wenigen Megawatt jetzt schon das – weiß ich nicht – schon das Zehn-, Zwanzig-, oder Dreißigfache durch ihre Repowerung, beziehungsweise Upgrade, erzielen. Und auch die Höher der Türme – früher waren die vielleicht 30 Meter hoch… Heute sind die 100, 150 Meter hoch.

Ah…
Krause: Die Gondeln sind teilweise so groß, dass da Hubschrauber drauf landen können – und auch müssen, um die Mitarbeiter oben abzusetzen.

Repowerment…Sie haben doch gerade gesagt, beim Repowern ginge es ums Wachsen – aber es soll doch in Nauen um einen Rückbau gehen!
Krause: Ja, das ist ja eben etwas Besonderes.

Etwas Besonderes! Aber wie konnte die Bürgerinitiative das durchsetzen? Und wie groß war diese Bürgerinitiative? Ich weiß, das sind jetzt zwei Fragen auf einmal…
Krause: (schnauft) Und ich versuche sie beide zu beantworten.

Das wäre äußerst wunderbar.
Krause: Wie groß die Bürgerinitiative ist, weiß ich nicht. Aber sie hat auf jeden Fall mit… (überlegt)

(vorschlagend) Unterschriftenlisten?
Krause: Ja, natürlich hat sie mit Unterschriftenlisten, mit lokalen Petitionen und Anträgen schon seit Jahren…

Ach, das geht schon seit Jahren so?
Krause: Hm, ja, seit Jahren. Natürlich wollten sie von Anfang an nicht diese Windräder haben und dann kamen doch immer mehr dazu. Und nun hat die Initiative Schützenhilfe von einer anderen Richtung bekommen…

Und welche?
Krause: Und zwar…auf Bundesebene!

(erstaunt) Auf Bundesebene? Für Nauen?
Krause: Ja, der Bund interessiert sich tatsächlich einmal für das Havelland. Und das ist doch etwas, was man an dieser Stelle einmal ganz positiv hervorheben sollte.

Welche Interessen stecken dahinter?
Krause: Also, da muss man in eine ganz andere Richtung gehen. Wir suchen schon seit den 80er Jahren — seitdem wir die ersten Atomkraftwerke gebaut haben eigentlich — suchen wir schon nach einem geeigneten Endlagerstandort. Für…

(alarmiert) Wir sprechen von einem Endlager?
Krause: Ja, einem Endlager für Atommüll.

Und da kommt Nauen ins Spiel?
Krause: Da kommt Nauen ins Spiel. Ja. Auch Sie werden sicherlich mitverfolgt haben, wie die Diskussion um das fast schon eingeweihte Atommüllendlager in Gorleben verlief und was da los war. Da hat sich ja die letzten Jahre in der Bundespolitik die Einsicht verbreitet, dass das vielleicht nicht der beste Standort ist. Und deswegen gibt es ein Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit, das BFE. Und das hat sich bundesweit Standorte angeschaut. Was sich da am besten eignet. Salzstöcke, Ton – alles mögliche.

Bundesamt für kerntechnische Entsorgungssicherheit? Das ist ja einmal ein Name, den man sich ein bisschen merken kann.
Krause: Ja.

Da gibt es ja sonst immer so komische Fachbegriffe drin.
Krause: Ja. Und das BFE hat halt in ganz Deutschland nach geeigneten Standorten gesucht. Sie haben sich die unterschiedlichsten Gesteinsarten vorgenommen. In Gorleben haben wir ja Salz als Gestein.

Ja genau. Was dann Fässer angreifen kann, so wie in der Asse.
Krause: Ja, das sagen natürlich diese Ökos immer wieder. Aber auch hier unter Nauen – und im Übrigen auch unter Potsdam – befinden sich für Atommüllendlagerung geeignete Tonvorkommen. Salz ginge ja auch aber…

Wieso ginge das auch?
Krause: Sehen Sie, wir packen ja schon seit Jahrzehnten Atommüll in die Asse. Auch das ist ein Salzgestein. Und das funktioniert. Natürlich gab es da ein paar Vorkommnisse, dass die Fässer nicht ordnungsgemäß eingelagert wurden. Und der ein oder andere Grenzwert wurde mal überschritten, aber das sind Einzelfälle. Im Grunde ist doch das Salzgestein – wie mir meine wissenschaftlichen Untersuchungen auch immer wieder zeigen – generell geeignet.
Aber jetzt gerade sind wir beim Ton und genau da kommen Nauen, Potsdam oder Ostprignitz, Westprignitz, also die Prignitz als geeignet geltende Standorte ins Spiel. Und da hat sich wohl die Bürgerinitiative angeschlossen…

Die Bürgerinitiative hat sich angeschlossen? Also diesem Endlager zuzustimmen, damit die Windräder wegkommen?
Krause: (stöhnt, hebt schwere Akten vom Boden) Ja, ja… Es ging 2016 bundesweit durch die Presse, als geeignete Standorte ausgemacht worden sind, ohne eine Vorentscheidung zu treffen. Und hier ist dann die Bürgerinitiative auf die BFE zugekommen und hat eben für den Standort Nauen geworben. Um halt auch zu sagen: „Leute, wir sind bereit. Wir nehmen den gesamten Atommüll aus Deutschland – vielleicht auch dem europäischen Ausland – auf…“

Man hat ja eine Verantwortung. Also mit Frankreich. Ganz klar. Mit Polen da gibt es ja Strom-Exportabkommen…
Krause: Wir stellen wir ja auch Brennstäbe her und exportieren die. Und dann muss man die auch wieder zurücknehmen.

Aber das ist ja schon eine Besonderheit, dass eine Bürgerinitiative sagt:. „Windkrafträder wollen wir nicht, dafür aber ein Endlager.
Krause: Ja, so ein Endlager, das ist ja unter Tage. Das kann ich schon nachvollziehen.

Das können Sie nachvollziehen?
Krause: Das ist dann ja weg aus der Optik.

Auch in Ihrer Position als Umweltjurist können Sie das vertreten?
Krause: Das hört sich jetzt so an, als wäre ich hier der Öko. Aber ich sehe das ganz pragmatisch. Wir haben Gesetze. Da steht drin, wie wir das machen können. Und wenn das sicher ist unter Tage, dann ist das sicher. Stellen Sie sich einmal vor, das Zeug würde da weiter in den Atomkraftwerken rumstehen. Und dann kommt so ein Terrorist – so ein Muselmane – klaut sich eine Kiste und was haben wir dann? Ja! Das brauche ich ja wohl nicht weiter auszuführen!
Und unter Tage ist das Zeug weg. Da stellen Sie zwei Wachschützer vor, kommt ein Zaun drumrum, ein paar Wachkameras werden angebracht und dann ist Feierabend.
Und wenn was ist, graben Sie das in 100 Jahren wieder aus. Aber so lange haben wir erst einmal Ruhe.

Wobei, Stromerzeugung generiert ja Wirtschaftswachstum und Gewinn. So ein Endlager kostet ja nur.
Krause: (beschwichtigend) Ja, das bezahlen ja die Betreiber. Da wurde so ein Fonds von 23,3 Milliarden Euro eingerichtet und da kümmern die sich drum. Das ist jetzt nicht die Frage.

Das schlägt sich nicht auf den Strompreis nieder?
Krause: (abwinkend) Nein. Das wird sich mit Sicherheit nicht auf den Strompreis niederschlagen. Auf gar keinen Fall. Das wird nicht dem Steuerzahler aufgehalst. Sie wissen ja, wie gut wir planen können. Wir sind ja keine Bananenrepublik.

Trotzdem möchte ich noch einmal an Sie als Umweltjuristen appellieren – man stellt sich ja auf so einem Posten jemanden vor, der auch für die Umwelt kämpft. Sie sehen das aber nicht als Problem? Finden Sie das auch selber, persönlich, schön, wenn die Windräder wegkommen? Bleiben Sie da auch privat bei Ihrem Pragmatismus?
Krause: Also, bei mir kommt der Strom, wie bei Ihnen zu Hause auch, aus der Steckdose, nä? Soweit ist das wohl bei allen gleich. Ich wohne hier nahezu im Wald. Wenn ich mir irgendwelche Solarzellen auf das Dach machen will, habe ich da nichts von. Ich verlasse mich auf die Energieerzeuger – die wissen schon, was sie machen.

Sie würden sagen, das Vertrauensverhältnis ist da gut?
Krause: Das Vertrauensverhältnis ist da gut. Wenn Sie da jetzt mit Gorleben, Harrisburg und Tschernobyl kommen, kann ich Ihnen auch sagen: Das ist anders als das in der Presse immer so gesagt wird. Suchen Sie einmal, wie viele Tote es da tatsächlich gegeben hat und welchen Schaden. Erst einmal werden Sie nicht viel finden. Und zum anderen…

Ich glaube in Tschernobyl waren das wohl so 50 Personen durch den unmittelbaren ersten Kontakt…
Krause: Ja, das ist auf jeden Fall nicht die Welt, nech?

(zustimmend) Sie meinen, das sind Kollateralschäden.
Krause: Ja, Kollateralschäden. Aber nicht Tausende. Oder Zehntausende. Und in Tschernobyl hat sich etwas Unerwartetes gezeigt: Da hat die Bevölkerung die Stadt direkt nach dem GAU verlassen.

Ja.
Krause: Diese ganzen Sicherungsarbeiter, die Liquidatoren, sind da geblieben und alle anderen sind weggezogen. Ein paar Wenige haben den Reaktorkern abgedichtet, damit er nicht weiter strahlt.

Da wurde so eine Kuppel drüber gebaut.
Krause: Genau. Und jetzt zur Sicherheit noch eine zweite Kuppel. Zur Sicherheit. Aber wer ist denn nicht weggezogen? Das sind die Tiere. Hasen. Katzen.

Schlangen.
Krause: Ja. Mäuse. Insekten. Vögel. Und die sind ja auch nicht mutiert.

Die sind nicht mutiert?
Krause: Nö. Haben Sie davon schon einmal etwas gehört? Dass da auf einmal fünfbeinige Hasen herum hoppeln in der Ukraine? Oder riesige Vögel?

Man hat schon von zweiköpfigen Kühen gehört. Das schon.
Krause: Ja, aber doch nicht aus der Ukraine!

Sie sagen, das sei nicht verifiziert?
Krause: Nein. Erstmal ist das nicht verifiziert und zweitens noch etwas anderes: Man hat das mal untersucht. Man hat sich gewundert, dass eben diese Tiere dort ohne Probleme leben. Anfangs hat man festgestellt, dass weniger Katzen und Mäuse dort vorzufinden waren.
Die Fauna hat also den Rückzug genauso angetreten wie der Mensch. Aber im Gegensatz zum Menschen ist die Fauna wieder zurückgekommen. Und jetzt könnte man sich fragen, warum. (sarkastisch) Waren die auch aufgeschreckt durch die vielen Berichte in der Zeitung? Natürlich nicht. Die können ja nicht lesen. Also. Sie haben das gemacht, was ihnen die Evolution vorgibt: Sie sind weggegangen, weil der Mensch weggegangen ist.
Der Mensch hat durch seinen Rückzug der Natur wieder Lebensraum zurückgegeben. Und jetzt ist die Natur, also nicht nur die Flora – die Bäume, die dann da überall auf den Dachterrassen wachsen – sondern auch die Fauna, zurückgekommen. Wenn Sie den Geigerzähler da anmachen, die schlagen aus, nech? Da könnte man sich fragen: „Was soll das denn?“ Es sind mehr Mäuse, Katzen, Hasen – alles ist da mehr geworden. Und die fühlen sich da auch offensichtlich sehr wohl. Darum ist man da hingegangen und hat ein paar Mäuse eingefangen und hat sie ins Labor gebracht und untersucht.

Hmm.
Krause: Man hat sie mit Mäusen verglichen, die eben nicht dort in der strahlenden Umgebung aufgewachsen sind.
Und hat beide Gruppen von Mäusen Radioaktivität ausgesetzt. Also einer Strahlungsintensität, die dort in Tschernobyl auch vorherrscht. Und man hat festgestellt, dass die Mäuse, die dort nicht beheimatet waren, tatsächlich Schaden genommen haben von dieser Strahlung. Aber die Mäuse, die man dort eingefangen hat, denen hat das nichts ausgemacht. Die haben ihr Leben weiter gelebt und haben sich auch fortgepflanzt. Nun schließt man daraus – ganz offensichtlich – dass man sich an Radioaktivität gewöhnen kann.

Herr Krause, das sind jetzt die Auswirkungen auf den Körper. Also physisch. Gibt es auch Auswirkungen auf die Psyche?
Krause: Ja! Das wurde auch anhand dieser besagten Untersuchung festgestellt. Die Tschernobylmäuse sind im Vergleich zur Gruppe, die der Strahlung erst nicht ausgesetzt war, viel sanftmütiger. Sie sind im Umgang mit ihren Artgenossen viel ruhiger, viel gelassener gewesen. Woran das genau liegt, konnte bisher noch nicht festgestellt werden.

Das heißt, die Gemeinschaft wurde im Prinzip gestärkt?
Krause: Die Gemeinschaft wurde gestärkt, ja. Und es gab weniger Streitigkeiten – zum Beispiel um Futter oder Nistmaterial. Einem Wissenschaftler ist das nur zufällig aufgefallen. Eines Morgens fiel im ein, dass er die Mäuse am Vortrag nicht gefüttert hatte und hat dann festgestellt, dass bei den anderen Mäusen schon eine tot gebissen wurde. Und bei den Tschernobylmäusen war alles in Ordnung. Und als er Futter gegeben hat, gab es bei denen auch keine großen Streitigkeiten. Da schien eine große Gelassenheit im Käfig zu herrschen, um das jetzt mal in das menschliche Verhalten zu übersetzen. Und jetzt stellen Sie sich das einmal im Havelland vor! 
Die Zentralhavelländer sind ja nicht gerade in den letzten Jahren durch Menschenliebe aufgefallen. Ich erinnere nur an den Brandanschlag auf die Turnhalle in Nauen, die als Asylbewerberheim diente. Wenn dann die Menschen hier dieser subtilen Strahlung exponiert wären, gebe es solche Vorfälle nicht mehr.

Also durch die subtile Strahlungsexposition würde dann in Nauen ein friedliches Miteinander gefördert werden. Kann ich das so festhalten?
Krause: Das können Sie so aufschreiben! Das haben Sie gut erfasst. So als Frau. Das hätte ich gar nicht gedacht.

(empört) Ich bitten Sie, Herr Krause!
Das klingt ja so, als seien Sie ein Fürsprecher des Gewöhnens an Radioaktivität! Und als müsste man sich auch an Radioaktivität in Nauen gewöhnen.
Krause: Na ja. Wenn das da erst einmal unter dem Boden ist… Aber bleiben wir doch einmal bei der Asse. Da wird ja gemunkelt, dass da gewisse Mengen an kontaminiertem Wasser austreten. Nehmen wir einmal an, dass das so ist. Und das kommt dann ins Grundwasser und findet auch irgendwann den Weg nach oben in die Brunnen…

Hm, ja.
Krause: Und in die Wasserhähne der Menschen und dann eben auch auf den Tisch. Und die Leute nehmen das zu sich, wie gesagt, es ist ja kein GAU, sondern nur kleine Mengen aus dem Grundwasser, denen der Mensch exponiert ist. Und an diese Mengen kann man sich gut gewöhnen, wenn ich da die Schlüsse aus diesem Mäuseexperiment ziehe. Und denken wir das einmal weiter!

Also, da fällt mir jetzt spontan ein: Es gab einmal einen Mineralwassertest einer bekannten Stiftung und da ist das Wasser eines bekannten Discounters mit sehr hohen Uranwerten aufgefallen. Heißt das nun, Leute, die dieses Wasser regelmäßig konsumieren, würden sich schon an Strahlung gewöhnen, weil sie regelmäßig exponiert sind? Innen wie außen? Und wäre denen dann gut geraten, weiter dieses Wasser zu kaufen? Und sollten auch alle anderen schon einmal dieses Wasser kaufen?
Krause: Ja!

Was würde denn diese „Wasserkur“, die Sie da empfehlen, mit uns machen? Mit mir als Anwohner zum Beispiel.
Krause: Tja, im Prinzip stählt es die Havelländer. Ja, das möchte man so sagen. Sicherlich werden wir keine Chuck Norrise, aber es geht schon schwer in diese Richtung. Wir sind dann gegen diese Radioaktivität immun. Jetzt denken Sie das einmal weiter! Die Amerikaner, die Chinesen – der Russe wahrscheinlich auch – die wollen alle ins Weltall. Wir suchen nach neuen Rohstoffvorkommen. Auf dem Mond. Auf dem Mars. Dort sind wir Strahlung ausgesetzt. Ja! Wer, wenn nicht die durch Strahlung gestählten Havelländer, wären denn da die ersten Leute, die ins Weltall fliegen, um den Mars zu kolonisieren?

Sie sehen also in einem Endlager im Havelland schon einen wirtschaftlichen Vorteil für die Zukunft?
Krause: Das würde ich mal so sagen. Hier wird immer geschrien (Jammerstimme imitierend) „Wir haben hier ja nix!“ und „Alles ist so teuer!“ und „Es gibt keine Arbeitsplätze!“. Wir schaffen hier nun eine, ja, fast schon eine neue Spezies Mensch, ja.

Und das ziemlich günstig…
Krause: Ziemlich günstig! Das kostet uns nix! Das kostet den Steuerzahler nichts. Wir trinken jeden Morgen unser Glas strahlendes Uranwasser und schon sind wir für die nächsten Jahrzehnte vorbereitet. Auf das Leben im Weltraum, wenn hier unten alles zu…na ja…Bruch geht.

Also, wenn alle Arbeitsplätze in die Raumfahrt verlegt werden…
Krause: Genau, ja.

Aber wenn Sie jetzt so reden, da muss ich auch einmal kritisch nachfragen. Sie klingen so, als wären Sie nie da gewesen, bei diesen Windrädern in Nauen…Haben Sie denn einmal eine Ortsbegehung gemacht?
Krause: Natürlich gehört das mit dazu! Zwar arbeite ich an einer Universität, die sich nur theoretisch mit diesen Sachen auseinandersetzt, aber zu meiner Arbeit gehören natürlich auch Termine vor Ort.
Standortbegehungen und so weiter. Ich habe mir die Braunkohleregion in der Lausitz angeschaut. Ich habe mir die Atomkraftwerke an der Weser, Elbe und Rhein angeschaut.
Und die blinkenden Windräder, die hier quasi direkt vor der Haustür meiner alten Heimat leuchten, habe ich natürlich auch angeschaut. Und das nicht nur einfach einmal so im Vorbeifahren auf der A 10. Ich mir diese Windräder einmal angesehen und auch mehrere Tage da verbracht, um zu sehen, wie es den Menschen vor Ort geht, die direkt jeden Tag diese Windräder sehen und auch spüren.
Es wird da viel von Infraschall und von Schallbelästigung allgemein geredet, von Elektrosmog, von Schlagschatten und so weiter. Das habe ich mir natürlich alles angeschaut. Und da habe ich eine Sache beobachtet: Ich lag eines Nachts in meinem Wohnmobil in der Nähe einer Windkraftanlage und späten Abends – natürlich als die Dämmerung schon eingesetzt hatte – habe ich gesehen, wie da ein Fahrzeug vorfuhr…

(erstaunt) Ein Fahrzeug! Oh!
Krause: Ja. Und da stiegen Männer aus. Mit Besen. Und ich habe mich schon gewundert: „Na nu? Was machen die jetzt mit Besen hier?“ Und die…reinigten…dann da…den Boden. Ich bin dann näher herangeschlichen. Leise, um die Leute nicht zu verschrecken. Ich wollte ja wissen, was da passiert. Jedenfalls, sie kehrten da mit ihren Besen tote Vögel zusammen.

Hm, hm.
Krause: Das sagt ja auch keiner! Nee! Da war mir dann klar, warum die abends, fast schon im Dunklen, da auftauchen.

Also, Sie sehen da schon ein Problem bezüglich Artenschutz und Windrädern. Sie sagen, die Strahlung in Tschernobyl macht beispielsweise die Mäuse stärker, während hier die Vögel einfach durch Windräder vom Himmel fallen.
Krause: Ja. Geschreddert werden die. Die fliegen da auf ihrem Weg in den Süden, Norden oder Osten lang – wie schon die vorigen 100 Jahre auch – und dann steht da dann plötzlich was.

Ja, dann steht da plötzlich was.
Krause: Ja, da steht dann etwas im Weg. Den ersten ein, zwei Windrädern können sie noch ausweichen, dem dritten vielleicht auch noch, aber irgendwann wird es dann schon eng. Zappzarapp…

…Kopf ab.
Krause: Ja, Kopf ab. Und dann liegen da nur noch Fetzen.

(seufzt) Hach.
Krause: Ja, also alles hat zwei Seiten. Natürlich kann man sagen „emissionsarm“. Aber der Lärm! Wenn man da dieses „Fruch! Fruch! Fruch!“ ständig in den Ohren hat, dieses Rauschen, das ist natürlich schon was. Obwohl die schon so weit weg stehen von der Wohnbebauung. Die Natur hat nicht nur ihre Vorteile. Nein. Die Umwelt hat…

Die umweltfreundlichen Energien?
Krause: Ja, die umweltfreundlichen Energien sind nicht so umweltfreundlich, wie man das immer suggeriert bekommt.

Sagen Sie, an dem Thema „Infraschall“ ist da etwas dran, Herr Krause?
Krause: Ja, auch Infraschall ist natürlich ein Problem. Jetzt könnte man meinen: „Das nimmt man ja nicht wahr“ – man nimmt es ja auch irgendwann nicht mehr wahr, wenn man beispielsweise an einer Autobahn lebt. Aber dann kommt der Besuch vorbei und sagt: „Mein Gott! Ist das laut hier!“. Man selbst bekommt gar nicht so mit, wie sehr man eigentlich leidet. Bei Infraschall ist das genau so. Da ist irgendwas, das man gar nicht wirklich wahrnimmt, aber der Körper reagiert trotzdem.

Der nimmt die Schwingung wahr.
Krause: Der nimmt die Schwingungen wahr, ja.

So ein Körper besteht ja zum großen Teil aus Wasser. Das vibriert mit…
Krause: Genau.

Und der Rückbau ist jetzt beschlossene Sache? Oder kommt da noch etwas?
Krause: (nachdrücklich) Nein! Das ist beschlossene Sache. Also, da kommt nichts mehr. Bis 2030 werden da 80 Prozent der Windkraftanlagen zurückgebaut. So viel steht fest.
Da können Sie sich auch mit dem Sprecher der Bürgerinitiative „Gegenwind Ketzin“ unterhalten. Der hat das schon bestätigt.

(notierend) Gegenwind Ketzin…hm.
Krause: Und die Landesregierung hat das bereits in ihren Landesentwicklungsplan der gemeinsamen Landesplanung Berlin-Brandenburg aufgenommen.

Wann wurden der Beschluss gefasst? Wissen Sie das genauer?
Krause: Ähm…(sucht etwas)

(nachdrücklich) Herr Krause?
Krause: Ja, das weiß ich (googelt). Jetzt, 2018, ist das in den Landesentwicklungsplan aufgenommen worden.

Jetzt, 2018?
Krause: Ja, Anfang des Jahres. Und auch in die Regionalpläne ist das schon geflossen.

Die folgen ja meist etwas später.
Krause: Ja, die folgen später und werden entsprechend angepasst. Das war jetzt im November.

Das ist ja ganz aktuell! Gab es überhaupt eine Bürgerbefragung dazu?
Krause: (abwinkend) Ach! Was will man da die Bürger befragen? Die haben doch nur Vorteile daraus. Einerseits werden die Windräder, die ja ganz offensichtlich in der Region nicht gewollt sind, rückgebaut und andererseits hat der Havelländer dadurch ja einen evolutionären – fast schon revolutionären – Vorteil. Kernspaltung ist nur innerhalb einer politischen Partei gefährlich, wissen Sie?

Und Sie meinen jetzt nicht, dass sich da noch bundesweit Proteste regen könnten?
Krause: Proteste würde ich jetzt nicht sagen. Aber wenn man sich das alles jetzt mal durch den Kopf gehen lässt: Ich meine – die Havelländer kriegen das Endlager. Das ist ein Standortvorteil, den sie da haben!

Das ist ein Standortvorteil?
Krause: Ja. Ich sehe das ganz klar als Standortvorteil.

Allgemein wird das in der Presse eher als Nachteil bezeichnet…
Krause: (mahnend) Wenn Sie mir richtig zugehört haben, dann ist das schon ein Standortvorteil, den die Havelländer…

(ins Wort fallend) Ich habe Ihnen natürlich richtig zugehört! Survival of the fittest, klar, Evolution – natürlich habe ich Ihnen da zugehört! Aber das Bild in der Öffentlichkeit ist ein anderes!
Krause: Ja, das ist das, was die Presse immer schreibt. Seit den späten 70er Jahren, als Gorleben das erste Mal als mögliches nukleares Endlager mit Wiederaufbereitungsanlage ins Gespräch kam, gab es Krawalle. Und jetzt nach den neusten Entwicklungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen, wendet sich das Blatt. Da werden andere Regierungen kommen und fragen: „Warum wird immer die Ostzone bevorzugt?“ und „Warum nicht Gorleben? Da ist doch schon alles vorbereitet.“ Ich denke mal, die Havelländer werden sich das nicht mehr nehmen lassen.

Aber das müsste doch auch ein Prozess sein, denn jetzt ist das Bild in der Öffentlichkeit noch ein anderes. Das ist ja eher negativ. Wie lange schätzen Sie den Prozess ein, den die Leute brauchen werden, bis sie auch die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse anerkennen und gut heißen?
Krause: Ja, die BFE beschließt das ja nicht einfach so. Sie ist Träger der Öffentlichkeitsbeteiligung und Aufsichtsbehörde. Da kommt nicht einfach jemand und sagt „Wir machen da mal ein Loch und schmeißen den ganzen Müll da rein.“ Das wird natürlich, wie alles andere, überwacht.

Hm, ja.
Krause: Und sie sorgen auch für die nötige und gebotene Öffentlichkeitsbeteiligung. Und es gab da schon Regionalkonferenzen. Skepsis ist ja immer da. Aber wenn man sich das mal auf der Zunge zergehen lässt, was ich da gerade hervorgehoben habe und sich selbst in die Thematik einbezieht und in die Öffentlichkeitsbeteiligung, die in den nächsten Jahren noch in unterschiedlichen Ausprägungen stattfinden wird, beteiligt, dann wird man natürlich schnell überzeugt sein. Klar, haben wir hier in Deutschland ein ausgeprägtes Genehmigungsrecht und Planungsrecht und es wird noch einige Jahre dauert – aber bis 2030 sollen eben diese 80 Prozent der Windkraftanlagen zurückgebaut werden und ich sehe auch 2030 als mögliches Startdatum für das Einlagern von hoch radioaktivem Nuklearabfall. Also, rein theoretisch (am 1.1. wird ja keiner arbeiten) könnten am 2.1. 2030 die ersten Fässer feierlich unter Nauen eingelagert werden.

Wie tief?
Krause: Wie tief? Sehr tief! Reicht Ihnen das?

Sehen Sie trotzdem noch irgendwo Gefahren?
Krause: Ja. Potsdam könnte als Landeshauptstadt versuchen, das Endlager den Havelländern streitig zu machen.

Ist Potsdam denn als Endlagerstandort geeignet?
Krause: Aber sicher! Da ist massig Platz und gutes Tongestein. Der Standort Nauen scheint zwar beschlossene Sache, aber einen Tipp hätte ich abschließend noch für Sie.

Der wäre?
Krause: Wer Geld hat, sollte sich jetzt in Potsdam ein Grundstück kaufen. Ist das Endlager erst einmal da, werden die locker das Dreifache kosten. Jetzt sind sie noch günstig zu bekommen.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Krause.
Krause: Bitte.


 

Dieses Interview enthält Satire. Zu zirka 100 %.

 

Mehr Auswahl für fünf Euro

Interview: Politiker Raimond Heydt hat einen Verein gegründet, durch den die Demokratie gestärkt werden soll. Die Idee ist alt, doch die Vorgehensweise brandneu.

Wortgeschacher: Herr Heydt, was hat Sie dazu bewegt, einen Verein zu gründen und dazu noch einen, mit so langem Namen?
Raimond Heydt: Aus meiner Sicht gehen die Wahlvorschläge am Wähler vorbei. Die Menschen fühlen sich nicht repräsentiert. Der „Verein zur Förderung der Teilhabe an Wahlen e.V.“ soll, wie der Name schon sagt, die Teilhabe an Wahlen fördern. Wir wollen mehr Bewerber auf die Stimmzettel bringen und so die Wahlmöglichkeiten vergrößern.

Haben Sie da ein konkretes Beispiel?
Heydt: Zum Beispiel durch eine Aufwandsentschädigung.

Wie bitte?
Heydt: Sie hören richtig. Wir zahlen eine Aufwandsentschädigung in Höhe von fünf Euro für jede Unterstützerunterschrift, die Wahlberechtigte für eine Partei leisten. Egal für welche Partei.

Was für Unterschriften? Worum geht es eigentlich?
Heydt: Einzelbewerber oder Parteien, die bislang noch nicht vertreten sind, müssen je nach örtlichen Vorgaben eine bestimmte Anzahl offizieller Unterstützerunterschriften zusammenbekommen, um später auf dem Wahlzettel zu stehen. Dafür gibt es Fristen und gelegentlich auch absurde Vorschriften.

Welche Vorschriften?
Heydt: Nun, diese Unterschriften werden zum Beispiel bei den Kommunalwahlen normalerweise in einem Gebäude der Wahlbehörde unter Aufsicht und Vorlage eines Ausweises geleistet und beglaubigt. Hingegen bei Europa-, Bundestags- oder Landtagswahlen kann jede Partei einfach auf der Straße unterschreiben lassen. Die Unterstützerunterschriften werden dann erst später auf dem Amt mit dem Wählerverzeichnis abgeglichen. Eine Beglaubigung ist hier nicht nötig.

Das heißt, für den Kreistag Havelland ist die Hürde, einer Partei auf den Wahlzettel zu helfen, höher als für den Bundestag?
Heydt: Genau. Je unwichtiger die Wahl desto größer die Hürde. Etablierte Parteien versuchen so über das Wahlrecht ihre kommunalen Mandate zu schützen und zusätzliche Konkurrenz schon im Keim zu ersticken. Neue Wahlvorschläge haben lokal oft gute Chancen, weil hier, anders als bei überregionalen Wahlen, keine Fünf-Prozent-Hürde existiert. Das Bundesverfassungsgericht hatte die Fünf-Prozent-Hürde bei Kommunalwahlen als undemokratisch und verfassungswidrig verworfen. Jetzt versucht man es halt über formale Hürden bei der Zulassung.

Und Sie zahlen dann jedem Unterstützer fünf Euro Aufwandsentschädigung, um diese Hürde zu nehmen?
Heydt: Genau.

Und das ist im Grunde alles, was Sie als Verein tun?
Heydt: Nein, wenn jemand sich selbst als Kandidat aufstellen lassen möchte, dann erklären wir gerne, wie das funktioniert. Ansonsten gibt es halt fünf Euro.

Okay… Und das ist alles rechtlich in Ordnung?
Heydt: Jup.

Woran machen Sie das fest?
Heydt: Ich habe das schon einmal gemacht. Ich wurde dann wegen Bestechung angeklagt. Das Amtsgericht in Nauen sprach mich allerdings frei — der Beleg für Bestechung fehlte, weil nicht für eine bestimmte Partei unterschrieben werden musste. Die Unterstützer hatten die freie Auswahl, wem sie auf den Wahlzettel helfen wollten.

Und durch diese freie Auswahl ist es dann legal?
Heydt: Ja.

Und die Beteiligung steigt schon durch fünf Euro? Ein Demokratie-Schnäppchen…
Heydt: Nach meiner Erfahrung, ja.

Was wird bei den 2019 anstehenden Kommunalwahlen in Brandenburg Ihre größte Herausforderung sein?
Heydt: Genügend Fünf-Euro-Scheine zu haben.

Viel Glück!
Heydt: Danke.

Das Gespräch führte Vivien Tharun in Nauen. Alle Zitate wurden von Heydt gegengelesen.


– Über den Politiker –

Raimond Heydt sitzt als Mitglied der Piratenpartei in der Stadtverordnetenversammlung in Nauen. Als Fraktionsvorsitzender Frischer Wind/PIRATEN in der SSV Nauen. Im Raum Nauen und Falkensee fällt er immer wieder durch ausgefallene politische Aktionen auf.
Seinen Blog findet ihr unter diesem Link: transparentedemokratie.de

Das Interview enthält Satire.

Bilder von Würde

Der Dokumentarfotograf Ruben Timman hat für ein Großprojekt weltweit 3.400 Menschen abgelichtet. Angefangen hat die Fotoreise mit einem Traum.

Ein verfallenes Haus, in ihm stehen verstaubte Vitrinen. Die Fensterscheiben sind zerbrochen. Bilder, die Menschen zeigen, hängen an den Wänden, doch sie wirken traurig.
Während einer Reportagereise durch Vietnam im Jahr 2001 träumt der niederländische Dokumentarfotograf Ruben Timman des Nachts von so einem Gebäude.
Im Traum heißt es „Museum Of Humanity“ (deutsch: „Museum der Menschheit“) und Kofi Annan führt Timman durch die Ausstellung. Timman ist im Traum geschockt, dass die Umgebung so menschenunwürdig erscheint. Als er wach wird weiß er: Das ist kein gewöhnlicher Traum. Er möchte ein „Museum der Menschheit“ schaffen und Kofi Annan soll es eröffnen. Doch es soll einen entscheidenen Unterschied geben: Alle Bilder sollen so gezeigt werden, dass sie die Würde, die in jedem Menschen steckt, hervorbringen. Und der Kontakt zu Annan muss auch erst einmal hergestellt werden. Doch wie?

Über Umwege lernt der Fotograf den Geschäftsmann Gez Asafu-Agyei kennen. Dessen verstorbener Vater war Annans Schulfreund und Asafu-Agyeis Mutter ist direkte Nachbarin des ghanaischen Politikers, der eine so große Rolle in Timmans Traum spielt.
Asafu-Agyei sagt, das erste Treffen mit Timman schien ihm „magisch“ und er war so gefesselt von den Bildern, dass er diese der Welt zeigen wollte. „Ruben Timmans Traum, Kofi Annan in die Eröffnung des „Museums der Menschheit“ einzubeziehen, hat uns zusammen gebracht. Seitdem bin ich Botschafter von Timmans Kunst.“ Asafu-Agyei sagt, die Werke des Fotografen würden auf faszinierende Weise mit Herz und Geist kommunizieren.

Seit Timman 2001 den Traum hatte, hat er weltweit mehr als 3.400 Personen fotografiert. „Dafür bin ich oft an Orte gereist, wo Menschen unter erschwerten Bedingungen leben“, sagt er. So besucht er im Irak ein Flüchtlingscamp für ISIS-Opfer, schwer kranke Kinder und Erwachsene in Kenia und fotografiert von der Polizei unbemerkt auf Abschiebeflügen. Mit seinen Fotografien möchte Timman Geschichten ohne Worte erzählen und vor allem die menschliche Würde in den Vordergrund stellen: „Jeder Mensch verdient es, würdevoll porträtiert zu werden“, sagt der Fotograf.

Ruben Timman
Der Fotograf Ruben Timman betrachtet die Dinge gerne aus einem anderen Blickwinkel. Foto und Bearbeitung: Vivien Tharun

Schon vor dem Treffen mit Asafu-Agyei fühlt sich Timman durch ein Ereignis in seinen Plänen bestätigt: Zufällig stößt er im März 2017 auf das Gebäude aus seinem Traum: „Es war das Hauptgebäude einer alten Munitionsfabrik in Zaandam nahe Amsterdam. Es war verfallen und wegen Einsturzgefahr eingezäunt“, sagt 55-Jährige. Über sechs Monate hinweg schleicht sich Timman immer wieder früh morgens oder spät abends in das Haus, um seine Fotos dort in Szene zu setzen und eine erste Version des Museums greifbarer zu machen. Auch als ihn der Sicherheitsdienst entdeckt und Timman bei der Stadt meldet, hört er nicht auf, das Gebäude zu besuchen.

Er gibt seinen Bildband „Crown Of Creation“ (deutsch: „Krone der Schöpfung“) heraus und schreibt einen Brief an Kofi Annans geschäftliche Vertretung. Doch drei Wochen später kommt eine Absage: Annan nehme nur Briefe von Personen entgegen, die er persönlich kenne, heißt es da.

Timman lässt sich nicht beirren. Er setzt seine Arbeit fort und gibt Interviews, bis schließlich jemand auf ihn aufmerksam wird: „Ich erhielt einen Anruf von einer Frau aus der Stadtverwaltung. Sie sagte, sie könne mir jemanden vorstellen, der Kofi Annan kennt.“ Und so lernt er Gez Asafu-Agyei kennen. Timman übergibt in Amsterdam den Brief für Annan und ein Exemplar seines Bildbands an Asafu-Agyei, der noch in der selben Woche nach Ghana fliegt und persönlich beides an Kofi Annans Haus abgibt. Annan ist zu dem Zeitpunkt nicht zu Hause, hat aber mittlerweile alles erhalten. Eine Antwort wird erwartet.

Und weil das Projekt bis dahin noch weitere Bekanntheit außerhalb der Niederlande erreichen soll, kommt Timman nun in das ostwestfälische Warburg. Denn dort hat Asafu-Agyei mit seiner Ehefrau Edith Honsel einen weiteren Wohnsitz und weitere Kontakte. Gemeinsam mit der Warburger Lokalpolitikerin Hilla Zavelberg-Simon plant Timman weitere Schritte für das Museum Of Humanity. Zavelberg-Simon ist von den Fotos des Niederländers angetan: „Für mich ist es der Blick für die Schönheit der Seele eines jeden Menschen, der Ruben Timman in seinen Porträts gelingt und der mich tief beeindruckt hat.“ Die Botschaft der Bilder sei nie aktueller als in diesen weltpolitischen Zeiten. Jetzt sei ein gemeinsames Projekt mit Menschen der Region geplant, sagt Zavelberg-Simon. Es sei dabei egal, woher oder wie die Porträtierten in die Gegend gekommen seien. Wichtig sei es nur zu zeigen, dass jeder Mensch Würde in sich trägt und die Porträts einen Beitrag dazu leisten könnten, diese sichtbar zu machen. Die beiden möchten eine Fotoausstellung in Warburg realisieren. Noch diesen August sollen die Planungen konkreter werden.
…Die Stadt Zaandam hat mittlerweile die alte Munitionsfabrik einsturzsicher gemacht und der Fotograf konnte sein neues Atelier auf dem großen Gelände der Fabrik ansiedeln.

Das Gespräch mit Timman, Asafu-Agyei und Zavelberg-Simon führte Vivien Tharun in Warburg.


–  Über den Fotografen –

Ruben Timman ist 1963 geboren und lebt derzeit in Zaandam nahe Amsterdam.
Timman war zunächst Krankenpfleger. Bei Rettungseinsätzen in Kambodscha beschloss er, der Menschheit durch Fotos mitzuteilen, was überall auf der Welt passiert. Er studierte darauf Dokumentarfotografie an der Königlichen Akademie für Bildende Kunst in Den Haag und schloss dort 1996 mit dem Mastertitel ab.
Er fotografiert mit einer analogen Mamiya RZ67 aus den 1980er Jahren.
Ein Crowdfunding für eine Neuauflage seines Bildbands „Crown of Creation“ ist gerade erfolgreich abgeschlossen. Die erste Auflage war bereits vergriffen.
Weitere Infos im Internet unter: www.museumofhumanity.nl

Das Video zum Projekt:

Museum of Humanity – Masterpieces in a fallen world from Ruben Timman on Vimeo.