Bilder von Würde

Der Dokumentarfotograf Ruben Timman hat für ein Großprojekt weltweit 3.400 Menschen abgelichtet. Angefangen hat die Fotoreise mit einem Traum.

Ein verfallenes Haus, in ihm stehen verstaubte Vitrinen. Die Fensterscheiben sind zerbrochen. Bilder, die Menschen zeigen, hängen an den Wänden, doch sie wirken traurig.
Während einer Reportagereise durch Vietnam im Jahr 2001 träumt der niederländische Dokumentarfotograf Ruben Timman des Nachts von so einem Gebäude.
Im Traum heißt es „Museum Of Humanity“ (deutsch: „Museum der Menschheit“) und Kofi Annan führt Timman durch die Ausstellung. Timman ist im Traum geschockt, dass die Umgebung so menschenunwürdig erscheint. Als er wach wird weiß er: Das ist kein gewöhnlicher Traum. Er möchte ein „Museum der Menschheit“ schaffen und Kofi Annan soll es eröffnen. Doch es soll einen entscheidenen Unterschied geben: Alle Bilder sollen so gezeigt werden, dass sie die Würde, die in jedem Menschen steckt, hervorbringen. Und der Kontakt zu Annan muss auch erst einmal hergestellt werden. Doch wie?

Über Umwege lernt der Fotograf den Geschäftsmann Gez Asafu-Agyei kennen. Dessen verstorbener Vater war Annans Schulfreund und Asafu-Agyeis Mutter ist direkte Nachbarin des ghanaischen Politikers, der eine so große Rolle in Timmans Traum spielt.
Asafu-Agyei sagt, das erste Treffen mit Timman schien ihm „magisch“ und er war so gefesselt von den Bildern, dass er diese der Welt zeigen wollte. „Ruben Timmans Traum, Kofi Annan in die Eröffnung des „Museums der Menschheit“ einzubeziehen, hat uns zusammen gebracht. Seitdem bin ich Botschafter von Timmans Kunst.“ Asafu-Agyei sagt, die Werke des Fotografen würden auf faszinierende Weise mit Herz und Geist kommunizieren.

Seit Timman 2001 den Traum hatte, hat er weltweit mehr als 3.400 Personen fotografiert. „Dafür bin ich oft an Orte gereist, wo Menschen unter erschwerten Bedingungen leben“, sagt er. So besucht er im Irak ein Flüchtlingscamp für ISIS-Opfer, schwer kranke Kinder und Erwachsene in Kenia und fotografiert von der Polizei unbemerkt auf Abschiebeflügen. Mit seinen Fotografien möchte Timman Geschichten ohne Worte erzählen und vor allem die menschliche Würde in den Vordergrund stellen: „Jeder Mensch verdient es, würdevoll porträtiert zu werden“, sagt der Fotograf.

Ruben Timman
Der Fotograf Ruben Timman betrachtet die Dinge gerne aus einem anderen Blickwinkel. Foto und Bearbeitung: Vivien Tharun

Schon vor dem Treffen mit Asafu-Agyei fühlt sich Timman durch ein Ereignis in seinen Plänen bestätigt: Zufällig stößt er im März 2017 auf das Gebäude aus seinem Traum: „Es war das Hauptgebäude einer alten Munitionsfabrik in Zaandam nahe Amsterdam. Es war verfallen und wegen Einsturzgefahr eingezäunt“, sagt 55-Jährige. Über sechs Monate hinweg schleicht sich Timman immer wieder früh morgens oder spät abends in das Haus, um seine Fotos dort in Szene zu setzen und eine erste Version des Museums greifbarer zu machen. Auch als ihn der Sicherheitsdienst entdeckt und Timman bei der Stadt meldet, hört er nicht auf, das Gebäude zu besuchen.

Er gibt seinen Bildband „Crown Of Creation“ (deutsch: „Krone der Schöpfung“) heraus und schreibt einen Brief an Kofi Annans geschäftliche Vertretung. Doch drei Wochen später kommt eine Absage: Annan nehme nur Briefe von Personen entgegen, die er persönlich kenne, heißt es da.

Timman lässt sich nicht beirren. Er setzt seine Arbeit fort und gibt Interviews, bis schließlich jemand auf ihn aufmerksam wird: „Ich erhielt einen Anruf von einer Frau aus der Stadtverwaltung. Sie sagte, sie könne mir jemanden vorstellen, der Kofi Annan kennt.“ Und so lernt er Gez Asafu-Agyei kennen. Timman übergibt in Amsterdam den Brief für Annan und ein Exemplar seines Bildbands an Asafu-Agyei, der noch in der selben Woche nach Ghana fliegt und persönlich beides an Kofi Annans Haus abgibt. Annan ist zu dem Zeitpunkt nicht zu Hause, hat aber mittlerweile alles erhalten. Eine Antwort wird erwartet.

Und weil das Projekt bis dahin noch weitere Bekanntheit außerhalb der Niederlande erreichen soll, kommt Timman nun in das ostwestfälische Warburg. Denn dort hat Asafu-Agyei mit seiner Ehefrau Edith Honsel einen weiteren Wohnsitz und weitere Kontakte. Gemeinsam mit der Warburger Lokalpolitikerin Hilla Zavelberg-Simon plant Timman weitere Schritte für das Museum Of Humanity. Zavelberg-Simon ist von den Fotos des Niederländers angetan: „Für mich ist es der Blick für die Schönheit der Seele eines jeden Menschen, der Ruben Timman in seinen Porträts gelingt und der mich tief beeindruckt hat.“ Die Botschaft der Bilder sei nie aktueller als in diesen weltpolitischen Zeiten. Jetzt sei ein gemeinsames Projekt mit Menschen der Region geplant, sagt Zavelberg-Simon. Es sei dabei egal, woher oder wie die Porträtierten in die Gegend gekommen seien. Wichtig sei es nur zu zeigen, dass jeder Mensch Würde in sich trägt und die Porträts einen Beitrag dazu leisten könnten, diese sichtbar zu machen. Die beiden möchten eine Fotoausstellung in Warburg realisieren. Noch diesen August sollen die Planungen konkreter werden.
…Die Stadt Zaandam hat mittlerweile die alte Munitionsfabrik einsturzsicher gemacht und der Fotograf konnte sein neues Atelier auf dem großen Gelände der Fabrik ansiedeln.

Das Gespräch mit Timman, Asafu-Agyei und Zavelberg-Simon führte Vivien Tharun in Warburg.


–  Über den Fotografen –

Ruben Timman ist 1963 geboren und lebt derzeit in Zaandam nahe Amsterdam.
Timman war zunächst Krankenpfleger. Bei Rettungseinsätzen in Kambodscha beschloss er, der Menschheit durch Fotos mitzuteilen, was überall auf der Welt passiert. Er studierte darauf Dokumentarfotografie an der Königlichen Akademie für Bildende Kunst in Den Haag und schloss dort 1996 mit dem Mastertitel ab.
Er fotografiert mit einer analogen Mamiya RZ67 aus den 1980er Jahren.
Ein Crowdfunding für eine Neuauflage seines Bildbands „Crown of Creation“ ist gerade erfolgreich abgeschlossen. Die erste Auflage war bereits vergriffen.
Weitere Infos im Internet unter: www.museumofhumanity.nl

Das Video zum Projekt:

Museum of Humanity – Masterpieces in a fallen world from Ruben Timman on Vimeo.